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Infos zum Thema
Freizeit ist die frei zur Verfügung stehende Zeit des Menschen, vor allem im Vergleich zur Arbeitszeit. Das Wort geht auf die spätmittelalterlichen Rechtsbegriffe „Freye-zeyt“ und „frey zeit“ zurück und benannte damals die Zeit des „Marktfriedens“.
Wortgenese
Das deutsche Wort „Freizeit“ geht auf den spätmittelalterlichen Rechtsbegriff „frey
zeyt“ zurück, der im 14. Jahrhundert die „Marktfriedenszeit“ beschrieb. In jenem
Zeitabschnitt wurden Marktreisenden und -Besuchern Sicherheit vor Gewalt und
Störungen aller Art, einschließlich Zwangshandlungen wie Verhaftungen und
Vorladungen, gewährleistet. Zuwiderhandlungen wurden doppelt geahndet. „Frey
zeyt“ war damals somit temporäre Friedenszeit. Obwohl sie mit dem heutigen
Freizeitbegriff eher wenig zu tun hat, ist sie – als echtes Gesetz – mit einem
modernen Tarifvertrag im Arbeitsrecht vergleichbar.
Freizeit als allgemeiner Begriff
Eine strikte, auch räumliche (Städtebau) Trennung der Sphären von Arbeit und
Freizeit ist ein Phänomen der Neuzeit.
Freizeit dient der Entspannung sowie der persönlichen Entfaltung und der Pflege
sozialer Kontakte, sofern diese nicht mit oben erwähnter Arbeitszeit in
Verbindung zu bringen ist. In seiner Freizeit widmet sich der Mensch häufig
seiner Familie, seinen Freunden und Dingen, die ihm Freude bereiten, Hobbys wie
zum Beispiel dem Spielen, Lesen, Sport treiben, Einkaufen, der Musik, Kunst oder
Wissenschaft. Er nutzt die Zeit für das, was ihm persönlich wichtig ist.
Die Funktionen der Freizeit sind vor allem Regeneration, Rekreation,
Kompensation, Kommunikation, Interaktion, Partizipation, Suspension und
Emanzipation.
Kritiker der modernen Auffassung von Freizeit sind der Meinung, dass die
Freizeit keine wirklich freie Zeit sei. Sie bleibe der Arbeit untergeordnet. In
der Freizeit könne man nicht tun, was man will, denn man müsse sich erholen. „Im
spätindustriellen Zeitalter bleibt den Massen nichts als der Zwang, sich zu
zerstreuen und zu erholen, als ein Teil der Notwendigkeit, die Arbeitskraft
wiederherzustellen, die sie in dem entfremdeten Arbeitsprozeß verausgabten. Das
allein ist die 'Massenbasis' der Massenkultur. [...] Sie bedeutet eine
weitgehende Standardisierung des Geschmacks und der Rezeptionsfähigkeit.“
(Adorno/Eisler)
Geschichte
Von der Antike bis zum Mittelalter
Bereits bei den Griechen in der Antike wurde zwischen Arbeit und Freizeit
unterschieden, wobei Freizeit oder Muße mit schole und die Arbeit mit der
Negation von Muße a-scholia bezeichnet wurde. (Von schole stammt auch das Wort
„Schule“.) Die höheren Schichten der griechischen Gesellschaft mussten dank
ihrer Sklaven keine körperliche Arbeit verrichten und konnten daher durch
Lernen, Nachdenken und Gespräche (Rhetorik) Wissen und Weisheit erlangen.
Kartenspielen und Rauchen, zwei „klassische“ Freizeitbeschäftigungen (Gemälde
von Paul Cézanne, 1892-1895)
Kartenspielen und Rauchen, zwei „klassische“ Freizeitbeschäftigungen (Gemälde
von Paul Cézanne, 1892-1895)
Aber auch die Sklaven und die Unterschicht verfügten über freie Zeit, die sie an
ca. 60 Tagen im Jahr bei Olympischen Spielen oder anderen Festen verbrachten.
Für alle Griechen galt, dass Freizeit nicht individuell genutzt werden konnte,
sondern im öffentlichen Interesse zum Wohl des Staates lag.
Ähnliche Ansichten vertraten die Römer: auch hier wurde der Begriff für Arbeit „neg-otium“
aus dem Begriff für Muße „otium“ abgeleitet. Die herrschende „Otium-Schicht“
hatte die Aufgabe, den Staat zu lenken und konnte auch individuellen
Annehmlichkeiten nachgehen. Auch die Plebejer verfügten aufgrund der
wirtschaftlichen Weiterentwicklung und der Sklavenhalterei über individuelle
Freizeit. Um diese in ihrem Sinne zu kanalisieren, veranstalteten die
Herrschenden „Brot und Spiele“ oder Wagenrennen im Circus maximus, öffentliche
Bäder sowie Parks und Sportarenen entstanden und veränderten auch
architektonisch sichtbar das Stadtbild von Rom.
Comenius (1592-1670) beschäftigte sich mit dem Begriff Freizeit und forderte
Erholungspausen zwischen der täglichen Schularbeit.
Freizeitentwicklung ab 1800 in Deutschland
Mit der Industrialisierung nahm in erheblichem Maße auch die Arbeitszeit der
Bevölkerung zu. Angestellte in den zahlreichen Fabriken und Manufakturen mussten
teilweise bis zu 16 Stunden am Tag arbeiten. Man beachte in diesem Zusammenhang
auch, dass es zu dieser Zeit kein einheitlich festgelegtes Wochenende gab. War
die Arbeitszeit in der Vergangenheit durch natürliche Bedingungen wie
Jahreszeiten oder die Tageszeit begrenzt, so ermöglichte die Entwicklung des
künstlichen Lichts, die Verwendung industrieller Maschinen und Motoren und die
witterungsunabhängige Arbeit in großen Fabrikhallen die Arbeitszeit auf ein
Höchstmaß auszudehnen. „Für die (…) Erwerbstätigen wurde die Arbeitszeit bis zur
psychisch möglichen Grenze ausgedehnt.“ (Opaschowski, 1994, S. 27)
Der Grund für die ab etwa 1850 fortschreitende Verkürzung der Arbeitszeit war
zunächst der gesundheitlich bedenkliche Zustand der Erwerbstätigen. Die für das
Militär eingezogenen Rekruten waren in äußerst schlechter Verfassung. Der zweite
weitaus umfassendere Grund war die zunehmende Technisierung der Produktion
wodurch der Bedarf an menschlichen Arbeitskräften zusehends sank. Als ein
dritter Grund sollte auch „der seit etwa 1860 propagierte Kampf um den
Achtstunden-Arbeitstag“ (Prahl, 2002, S. 100) genannt werden. Auch wenn dieser
erst 1918/19 erreicht werden sollte, so ist dies der Ursprung einer zunehmend an
Bedeutung gewinnender Arbeiterbewegung. Karl Marx sah in der Freizeit
(disponiblen Zeit) einen „großen Wert für die Emanzipation des Menschen, für die
Wiedergewinnung der Menschlichkeit aus der Entfremdung. Eine Gesellschaft, die
es schafft disponible Zeiten hervorzubringen, schafft auch Reichtum und zeigt
unverkennbar die dialektischen Zusammenhänge von Arbeit und Freizeit. Freie Zeit
ist von der Arbeit befreite Zeit, in der sich jedes Individuum besonders gut
entfalten kann.“.
Obwohl eine Einzelproduktion, wie etwa ein landwirtschaftlicher Familienbetrieb
im Mittelalter, allein durch die Abhängigkeit von der Natur eine arbeitsfreie
Zeit garantiert, so wurde der Begriff der Freizeit, als die „Restzeit, die übrig
bleibt, wenn man die Arbeit (…) erledigt hat“ (Giesecke, 1983, S. 14) erst durch
die Industrialisierung festgelegt. Der eindeutig festgelegt Wechsel von Arbeit
und Feierabend führte auch zu einem vollkommen neuen Zeitverständnis, welches
als Grundlage auch des modernen Zeitempfindens zu bezeichnen ist. Das
„zeiteffektive Denken“ weitete sich von den Unternehmen über die Familien bis
hin zu den Schulen aus. In gleichem Maße wie die zeitliche Belastung stieg,
wuchs auch das Bedürfnis nach einer Zeit der Erholung und Kompensation.
Dieses Bedürfnis durch die Erweiterung der Freizeit zu befriedigen war eines der
vornehmlichen Ziele der entstehenden Arbeiterbewegung. „Eine Befreiung aus einem
Leben, das neben Arbeit und Rekreation wenig Zeit für andere, zum Beispiel
kulturelle und gesellige menschliche Tätigkeit ließ“ (Giesecke, 1983, S. 27),
ist auch die Grundlage für das politische Mitwirken der unteren Schichten. Sah
man vor der Jahrhundertwende in erster Linie das Risiko des zunehmenden
Müßiggangs und der sittlichen Verwilderung, so machten sich zur Zeit der
Weimarer Republik erste Stimmen breit, dass der Staat die Eingliederung aller
Schichten in das Bürgertum zu unterstützen habe, um seinem demokratischen
Anspruch gerecht zu werden.
Die durchschnittliche Zunahme von arbeitsfreier Zeit nach 1918 war jedoch eher
unfreiwilliger Natur. Die Folgen des ersten Weltkrieges führten zu einer stark
ansteigenden Arbeitslosigkeit. Die erkämpften Arbeitszeitverkürzungen in Form
des Achtstundentages und der Einführung eines Urlaubsanspruchs wurden immer
wieder missachtet; so kam es nur sehr langsam zu einer reellen Entlastung der
Erwerbstätigen.
Mit der gewonnenen Freizeit war zwar auch eine merkliche Entlastung zu spüren,
dennoch kam es zum „Freizeit-Problem“: Freizeit war bisher nur die Zeit der
Reproduktion bzw. Rekreation der Arbeitskraft. Ein über diese Elemente
hinausgehendes Freizeitverständnis musste sich noch entwickeln. Diese Suche ist
auch der Ursprung einer frühen Freizeitpädagogik. Die „goldenen Zwanziger“ waren
auch in Bezug auf Freizeit eine Zeit des Ausprobierens und Feierns, zumindest
für die Ober- und Mittelschicht.
Der Nationalsozialismus versuchte einerseits, die Freizeit unter Kontrolle zu
stellen, und anderseits durch attraktive Freizeit- und Konsumangebote das Regime
aufzuwerten. Die NS-Freizeitpolitik, insbesondere Kraft durch Freude, wurde "ein
ideologischer Exportschlager" (Spode, 2006, S.25).
Durch die Existenzbedrohung in der Nachkriegszeit des zweiten Weltkrieges trat
die Freizeit in den Hintergrund. Die Arbeit bestimmte wieder das Leben und die
Zeit nach der Arbeit galt erneut fast ausschließlich der Erholung. Erst in den
fünfziger Jahren setzte die Diskussion um die 5-Tage- und die 40-Stundenwoche
wieder ein. Daneben erhöhte sich in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs auch
der „Freizeit-Etat“ der einzelnen Familien. Dies machte sich besonders auch in
der steigenden Verfügbarkeit von Konsumgütern (wie etwa Auto und Fernseher)
bemerkbar. In den verbesserten Freizeit- und Konsummöglichkeiten sah die
entstehende Freizeitsoziologie ein Problem; sie "kam mit erhobenem Zeigefinger
daher", fürchtete man doch die "Manipulation" durch die "Kulturindustrie" (Spode,
2006, S. 26). Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurde die "Massenkultur"
weniger moralisch betrachtet.
Spätestens 1990 lässt sich eine, zumindest in den Grundzügen, der
Industrialisierung ähnliche Entwicklung beobachten: „Die Arbeitszeiten wurden in
den letzten Jahrzehnten in der BRD sichtbar verkürzt, doch gleichzeitig wurde
die zu leistende Arbeit intensiviert.“ (Prahl, 2002, S. 112) Dies hatte zunächst
eine wachsende Belastung für die Erwerbstätigen zur Folge, und so entwickelte
sich die Freizeit erneut zu einer wichtigen Kompensationszeit. Daneben wuchs der
Freizeitsektor zu einem wichtigen Wirtschaftfaktor.
Mittlerweile wird der Begriff Freizeit immer häufiger in Verbindung mit
Freizeit-Zeiträumen sowie Aktivitäten gebracht (z.B. Sommer-Freizeit,
Ski-Freizeit). Dieses Phänomen machen sich auch diverse kommerzielle Reise- und
Event-Veranstalter sowie non-profitable Vereine oder Kirchen im Rahmen von
Werbezwecken zunutze.
Freizeit in der Soziologie
Quellen dieser Infos in der Literatur
* Elisabeth Charlotte Welskopf: Probleme der Muße im alten Hellas. 1962.
* Theodor W. Adorno & Hanns Eisler: Komposition für den Film. München 1969.
* Hans-Werner Prahl: Soziologie der Freizeit. Paderborn: Ferdinand Schöningh
2002.
* Giesecke, H.: Leben nach der Arbeit – Ursprünge und Perspektiven der
Freizeitpädagogik. München: Juventa 1983.
* Hasso Spode: Time out. Freizeit und Freizeitforschung aus historischer Sicht.
In: Fundiert 1/2006, S.18-26 ([1])
* Horst Opaschowski: Einführung in die Freizeitwissenschaft (2., völlig neu
bearb. Auflage). Opladen: Leske+Budrich 1994.
* Horst Opaschowski: Pädagogik der freien Lebenszeit(3., völlig neu bearbeitete
Auflage). Opladen: Leske+Budrich 1996.
* Horst Opaschowski: Feierabend? – Von der Zukunft ohne Arbeit zur Arbeit mit
Zukunft!. Opladen: Leske+Budrich 1998.