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Infos zum Thema
Als Gesellschaft bezeichnet man in der
Soziologie
* eine genau definierte Gruppierung von Personen, „Gesellschaft“ i. e. S.;
* allgemeiner eine durch unterschiedliche Merkmale zusammengefasste und
abgegrenzte Anzahl von Personen, die als soziale Akteure miteinander verknüpft
leben und direkt oder indirekt interagieren.
Zum Begriff
Die Herkunft des Begriffes Gesellschaft ist aus altertümlich gewordenen Worten
wie Geselle erkennbar (vgl. „Gleich und gleich gesellt sich gern.“). Eine oft
implizite Bedeutung des Begriffs Gesellschaft ist, dass seine Mitglieder ein
gegenseitiges Interesse oder ein Interesse an einer allgemeinen Zielsetzung
teilen.
Biosoziologisch gesehen ist der Mensch von Natur in Gesellschaft, mit (bereits)
Aristoteles' Worten also ein ζώον πολιτικόν (zóon politikón), ein auf „Staaten-(Gemeinden-,
Poleis-) Bildung angelegtes Wesen“.
Der Begriff Gesellschaft bezeichnet dabei sowohl die Menschheit als ganzes
(gegenüber z.B. dem Tierreich), als auch bestimmte Gruppen von Menschen,
beispielsweise ein Volk, oder einen strukturierten, räumlich abgegrenzten
Zusammenhang zwischen Menschen (z. B. („die schwedische Gesellschaft“) oder für
ein durch die Dichte und Multiplexität sozialer Interaktionen abgegrenztes
Knäuel im Netzwerk der Menschheit.
Die Bezeichnung Gesellschaft ist als zentraler Grundbegriff der Soziologie
umstritten. Nach Marx ist die Gesellschaft die Summe der Beziehungen und der
Verhältnisse unter den Individuen und nicht die Individuen als solche. [1]
Analytisch eingeführt wurde der Terminus in der sich etablierenden Soziologie
durch Ferdinand Tönnies 1887 in seinem Werk Gemeinschaft und Gesellschaft.
Tönnies stellt dem Begriff Gemeinschaft, welche sich durch gegenseitiges
Vertrauen, emotionale Anbindung und Homogenität auszeichnet, den Begriff
Gesellschaft gegenüber, derer sich die Akteure mit jeweils individuellen Zielen
bedienen. Dies führt zu einer nur losen Verknüpfung der Individuen in der
Gesellschaft. Beide, „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“, sind für ihn Gegenstände
der Soziologie. Dieser axiomatisch abgestützte und streng deduktiv gewonnene „Gesellschafts“-Begriff
i. e. S. wird in der Soziologie noch verwendet; jedoch von den meisten
Soziologinnen und Soziologen wird er nicht benutzt; sie bevorzugen sehr oft
einen lockereren innerwissenschaftlichen Wortgebrauch.
Max Weber knüpft mit seinem Begriff Vergesellschaftung noch stark an die
Merkmale Tönnies’ an.
Niklas Luhmann spricht von einer Gesellschaft, wenn konformes bzw. abweichendes
Verhalten im Bezug auf Normen und Werte festgelegt ist und eine entsprechende
Differenzierung von Erwartungen und Reaktionen vorhanden ist (Luhmann -
"Interaktion, Organisation und Gesellschaft" in „Soziologische Aufklärung/Bd. 2:
Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft“ 1975)
Konkrete Anwendung des Begriffs
Für konkrete Anwendungen des Begriffs wird die Grenze der Gesellschaft wegen
allzu schlecht bestimmbarer Allgemeinbegriffe meist da angesetzt, wo
(vermeintlich) die Gemeinsamkeit endet, die mit der Verwendung des Begriffs
angedeutet werden soll. Diese Gemeinsamkeiten werden nach verschiedenen
Kriterien abgegrenzt. So werden einzelne Länder (Abgrenzungskriterium:
Landesgrenzen) als Gesellschaften bezeichnet, ebenso wie Kulturen
(Abgrenzungskriterium: Kulturgrenzen) und soziale Systeme.
Wer Soziologie betreibt, wird immer fragen, wer erfolgreich eine Gesellschaft
definiere. Dies ist schwieriger als beim Staat (auch der Nation) zu ermitteln,
der durch völkerrechtlichen Vertrag oder erfolgreiche Proklamation entsteht,
oder selbst beim Volk, das sich im Selbstverständnis durch symbolische,
miteinander eng vernetzte Medien (Sprache, Liedgut, Abstammungs- und andere
Mythen usw. als solches versteht, oft mit dichterischer Nachhilfe - vgl. Homer,
Dante, Luther; Nationaldichter). Wer aber definiert z.B. die polnische
Gesellschaft, d.h. grenzt das oben angesprochene Knäuel im sozialen Netzwerk
Ostmitteleuropa als das polnische ab? Vermutlich Soziolog/inn/en.
Den politischen Eliten kann das kaum Recht sein. Die konservative Politikerin
Margaret Thatcher stellte die Existenz von Gesellschaft überhaupt in Abrede.
Soziologische Schulen und ihr Zugriff zur Gesellschaft
Bei Tönnies ist „Gesellschaft“ eine besondere Form gegenseitiger gewollter
Bejahung von Menschen, die sich dieser Form als eines Mittels zur Erreichung
ihrer individuellen Ziele bedienen (s.o.).
Im (z. B.) Strukturfunktionalismus bildet sich aus Akteuren dann eine
Gesellschaft, wenn sie in der Lage ist, mittels bestimmter sozialer Funktionen
die menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen (vgl. Talcott Parsons, aber auch:
den Funktionalismus). Funktional darauf ausgerichtet bilden sich Institutionen
und ohne die Herausbildung von entsprechenden Strukturen ist eine dauerhafte
Bedürfnisbefriedigung nicht möglich. Auch ein Robinson Crusoe überlebt nur, weil
er die Methoden zur Bewältigung der Welt (Normen, Werte, Fähigkeiten)
verinnerlicht hat, weil er die Gesellschaft in sich trägt - z. B., wenn er auf
seiner einsamen Insel fromm wird. Akteur (oder, strittig, Individuum) und
Gesellschaft stehen in einem wechselseitigem Abhängigkeitsverhältnis.
Langfristig stabilisieren sich Gesellschaften nur, wenn sie sich über
Sozialisation Strukturen und Wertvorstellungen reproduzieren. Ursprüngliche
Instanz ist hier durch biologische Determination die Kernfamilie (sogar dies ist
umstritten).
Gesellschaft in systemtheoretischen Begriffen ist, mit Luhmann ausgedrückt, das
umfassendste soziale System, die Einheit, die keine soziale Umwelt mehr hat und
alle (anderen) sozialen Systeme, Verhältnisse und Tatbestände umfasst. Anders
ausgedrückt ist Gesellschaft alles, was durch Kommunikation füreinander
erreichbar ist.
Für Pierre Bourdieu ist Gesellschaft nicht völlig erklärbar. Es gebe aber zwei
zu unterscheidende Ebenen: die Ebene der sozialen Praxis, in der sich das Leben
nach Regelmäßigkeiten abspiele, deren Ablauf die Akteure zum großen Teil
unbewusst inkorporiert haben, und die Ebene der Theorie der Praxis, wo
untersucht werden müsse, die unbewussten, in ihrer Gesamtheit kaum
wahrgenommenen Machtverhältnisse der sozialen Praxis aufzudecken, und zwar dort,
wo sie weitest gehend mit den Gewohnheiten des Handelns, des Wahrnehmens und
Beurteilens bricht. Bourdieus sehr einflussreiches Werk enthält damit eine
gesellschaftskritische Komponente.
Auch in der heutigen Soziologie ist die Verwendung des Begriffes Gesellschaft
umstritten. So fordert z. B. der britische Soziologie John Urry für eine
Soziologie des 21. Jahrhunderts die Abkehr von der Analyse von Gesellschaften (Sociology
Beyond Societies, London 2000).
Weltgesellschaft
Tönnies' und Luhmanns Ansätze erlauben – wie die vieler anderer soziologischer
Makrotheoretiker – auch die Konzeption einer Weltgesellschaft (bei Karl Marx
durch den durchdringenden Ausbeutungsmechanismus im Kapitalismus; bei Ludwig
Gumplovicz durch den Krieg zwischen Gruppen; bei Ferdinand Tönnies durch den
Fernhandel; bei Niklas Luhmann durch Anschluss von Kommunikationmedien wie etwa
durch Zahlungen von Geld; usw.).
Marxismus
Die Gesellschaft wird hier nach dem geschichtlichen Entwicklungsstand der
Produktionsverhältnisse beschrieben:
* Urgesellschaft
* Sklavenhaltergesellschaft
* Feudalismus
* Asiatische Produktionsweise
* Kapitalismus
* Sozialismus
* Kommunismus
Literatur
* Johannes Heinrichs: "Logik des Sozialen. Woraus Gesellschaft entsteht", Steno,
München 2005 (= erweiterte Neuauflage von Reflexion als soziales System)
* Norbert Elias: Was ist Soziologie? München: Juventa 1970
* Hillmann, Karl-Heinz: „Gesellschaft“, in: Wörterbuch der Soziologie, 4. Aufl.
Stuttgart: Kröner 1994. ISBN 3-520-41004-4
* Peter Koslowski: Evolution und Gesellschaft. Eine Auseinandersetzung mit der
Soziobiologie, Tübingen: Mohr Siebeck 1984, 2. Aufl. 1989.
* Peter Koslowski: Gesellschaft und Staat. Ein unvermeidlicher Dualismus,
Stuttgart: Klett-Cotta 1982.
* Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, 1997, ISBN 3-518-28960-8
* Gunter Runkel: Allgemeine Soziologie. Gesellschaftstheorie, Sozialstruktur und
Semantik. München, Wien: R. Oldenbourg, 2005. ISBN 3-486-57708-5 (v.a. Kap. 2:
Soziologische Klassiker und ihre Theorien)
* Ferdinand Tönnies, Gemeinschaft und Gesellschaft, Darmstadt: Wissenschaftliche
Buchgesellschaft 2005 [1887]
* Bernard Willms: „System und Subjekt oder die politische Antinomie der
Gesellschaftstheorie.“ In: Franz Maciejewski (Hg.): Theorie der Gesellschaft
oder Sozialtechnologie, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1973, S. 43-77. ISBN
3-518-06101-1
Quellen dieser Infos
Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 1857