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Infos zum Thema
Wissen (von althochdeutsch "wizzan": verwandt mit lateinisch "videre"
['sehen'] - indogermanisch "uoida" bedeutet 'ich habe gesehen' und somit auch
ich weiß[1]) bezeichnet alltagssprachlich meist wahre und für wahr gehaltene
Meinungen.
Im Bereich der Informatik und Informationstheorie wird Wissen oftmals mit
"Information" gleichgesetzt, die dann nicht nur Individuen, sondern auch etwa
Gruppen besitzen. Dabei wird oft nicht explizit objektive Wahrheit
vorausgesetzt, so dass in dieser Hinsicht der Begriff Information eher dem
alltagssprachlichen Begriff von Meinung statt von Wissen gleichkommt.
Mit sozialen Aspekten des Erwerbs von Wissen beschäftigt sich auch die
Wissenschaftssoziologie.
In der Philosophie ist Wissen ein zentraler Begriff der Erkenntnistheorie. Dabei
geht es u.a. um die Fragen: wie ist der Begriff des Wissens zu analysieren?
Welche Kriterien zeichnen Wissen aus, etwa gegenüber falschen Meinungen oder
zufällig erratenen Wahrheiten? Wann kann man sagen, eine Meinung sei
gerechtfertigt, etwa durch empirische Daten, durch gute Argumente, durch
zuverlässiges Hörensagen oder subjektive Erfahrungen? Wie kommt Wissen
ursächlich zustande? Welchen praktischen Wert hat Wissen? Ist Wissen überhaupt
möglich? (Letzteres bestreiten unter anderem verschiedene Formen des
Skeptizismus und teilweise auch des Konstruktivismus.) Derartige Fragen werden
in unterschiedlichem Sinne und Ausmaß seit der Antike diskutiert. Eine frühe
systematische Auseinandersetzung findet sich in Platons Dialog Theaitetos. Die
Debatte ist heute noch in vollem Gange. Insbesondere besteht bis heute kein
Konsens über eine Definition des Wissensbegriffs.
Verschiedene Wissensdefinitionen
Während es auf den ersten Blick klar zu sein scheint, was Wissen bedeutet, ist
es sehr schwer, eine allgemein gültige Definition dafür anzugeben. Für jede
bekannte Definition gibt es Fälle, in denen sie offensichtlich nicht das
wiedergibt, was wir unter Wissen verstehen.
* Wissen ist eine vorläufig wahre Zustandsgröße und ein selbstbezüglicher
Prozess. Seine Definition verändert es bereits, da diese selbst zum Bestandteil
des Wissens wird. Voraussetzung für Wissen ist ein wacher und
selbstreflektierender Bewusstseinszustand, der dualistisch angelegt ist. Wissen
ist mit Erfahrungskontext getränkte Information. Information ist ein
Datenbestandteil, welcher beim Beobachter durch die beobachterabhängige Relevanz
einen Unterschied hervorrief. Daten sind etwas, was wahrgenommen werden kann,
aber nicht muss. Diese Definition ist im Einklang mit dem Fachgebiet
Wissensmanagement und dem DIKW-Modell (en). Letzteres stellt Daten,
Informationen, Wissen und Weisheit in einer aufsteigenden Pyramide dar und führt
zu Organisational Memory Systems, deren Hauptziel es ist, die richtige
Information zur richtigen Zeit an die richtige Person zu liefern, damit diese
die am besten geeignete Lösung wählen kann. Damit wird Wissen mit seiner Nutzung
verknüpft.
* Handlungsgrundlage von Informationssystemen - Wissen bezeichnet die Gesamtheit
aller organisierten Informationen und ihrer wechselseitigen Zusammenhänge, auf
deren Grundlage ein vernunftbegabtes System handeln kann.
Das Wissen erlaubt es einem solchen System – vor seinem Wissenshorizont und mit
der Zielstellung der Selbsterhaltung – sinnvoll und bewusst auf Reize zu
reagieren.
* Glaube zu Wissen - Die vielfältigen Ergebnisse der Erkenntnistheorie und der
Wissenschaftsgeschichte machen die Aussage plausibel, dass der Mensch immer nur
glaubt zu wissen. Immer wieder werden ganze Gebäude des Wissens zum Einsturz
gebracht, wenn sich eine Hypothese durch neue Erkenntnisse als tragfähiger
erweist als vermeintlich gesicherte Theorien. So wird der Zweifel zu einer der
Triebfedern neuen Wissens.
* Gerechtfertigter wahrer Glaube (GWG oder gerechtfertigte wahre Meinung) -
Edmund Gettier zeigte an Beispielen in seinem Aufsatz Is justified true belief
knowledge (Gettier-Problem), dass diese Definition unseren Wissensbegriff nicht
treffend abzubilden vermag.
* Reale und imaginäre Objekte, Systeme und Prozesse können gegeneinander
abgegrenzt und daher beschrieben und definiert werden. Wissen hingegen ist ein
selbstbezüglicher Begriff für eine Gesamtheit und nicht überschaubar. Die
Selbstbezüglichkeit zeigt sich in der Tatsache, dass eine Definition des
Begriffs Wissen das Wissen selber verändert, weil die Definition ebenfalls
Bestandteil des Wissens ist. Es kann daher nur eine Beschreibung der Wirkung von
Wissen erfolgen.
Formen des Wissens
Deklaratives versus prozedurales Wissen
Deklaratives Wissen bezeichnet in der Kognitionspsychologie das Wissen über
Fakten („Wissen was“), in Abgrenzung von handlungsorientiertem („Wissen wie“,
prozedurales Wissen). Folgende Formen des deklarativen Wissens können
unterschieden werden:
* Wissen über Fakten: Zu den Fakten gehören numerische Fakten wie „das
Planck'sche Wirkungsquantum ist h = 6,6261 · 10-34 Js “ oder Propositionen wie
„Der Wolf ist ein Raubtier“.
* Wissen über Konzepte und Konzepteigenschaften: Konzepte werden durch ihren
Konzeptnamen, ihre Extension und ihre Intension definiert. Extension ist die
Menge aller Objekte, die zu dem Konzept gehört, die Intension ist die Menge der
Merkmale, die ein Objekt besitzen muss, um zum Konzept zu gehören. Man
unterscheidet zwischen Individualkonzepten, die als Extension eine einelementige
Menge besitzen, und Massenkonzepte wie Flüssigkeiten oder Schüttgut, die keine
stückweise abzählbare Extension besitzen.
* Wissen über semantische Beziehungen: Semantische Beziehungen sind Aussagen zu
zwei oder mehreren Konzepten, wie zum Beispiel
o Abstraktionen: (Schrank ist ein Möbelstück).
o Teil-Von-Beziehungen: (Klinge - ist Teil vom - Schwert).
o Ist-Ein-Beziehung (Wolf - ist ein - Raubtier).
o Zeitliche Beziehungen (chronologische Abfolge, Simultanität).
o Räumliche Beziehungen (Behälter - Inhalt).
o Kausalbeziehungen (Blitz - Donner).
* Wissen über Ereignisse und Handlungen: Ein Ereignis ist eine Zustandsänderung
eines Objektes zu einem bestimmten Zeitpunkt oder über ein Zeitintervall hinweg.
Eine Handlung ist ein Ereignis, das von einem Aktor ausgelöst wurde.
* Wissen über Regeln und einschränkende Bedingungen (Constraints): Wissen über
einschränkende Bedingungen ist Wissen über die Unzulässigkeit von Zuständen oder
Zustandsänderungen.
* Metawissen: Wissen über Wissen, wie z. B.
o Wissen über die Verlässlichkeit (Reliabilität) bzw. Güte (Validität) von
Fakten oder anderen Wissensarten.
o Wissen über Wissensqualität.
* Wissen als soziale Konstruktion: Grundlegend stellt die Wissenssoziologie
fest, dass Erkenntnis nicht im Individuum, sondern in einem sozialen Kontext
eingebettet ist, das bedeutet Wissen ist sozial bedingt[2].
Prozedurales Wissen hingegen beschreibt die Fähigkeit, etwas durchzuführen. Dazu
gehören u.a. motorische Fähigkeiten (laufen, sprechen, Fahrrad fahren) als auch
abstrakte Fähigkeiten (das subtrahieren zweier Zahlen). Im Gegensatz zum
deklarativen Wissen ist es dem Träger des prozeduralen Wissens oftmals nicht
bewusst, wie das Wissen aufgebaut ist. Ein Fahrradfahrer weiß zwar, dass er
fahren kann, könnte aber nicht wiedergeben, wie es tatsächlich funktioniert.
Manchmal ist der Träger des prozeduralen Wissens noch nicht einmal dessen
bewusst, dass er dieses tatsächlich besitzt. So muss es einem Kind, das die
deutsche Grammatik problemlos anwendet, nicht bewusst sein, dass es Fälle gibt.
Narratives versus diskursives Wissen
Jean-François Lyotard unterscheidet zwei Formen von Wissen:
* diskursives Wissen – das im Diskurs ermittelte Wissen der Moderne mit
expliziter Legitimation. Wissenschaftliches Wissen ist spezifisches diskursives
Wissen, das dem akademischen Diskurs und seinen akademischen Regeln unterliegt;
* narratives Wissen – das traditionelle Wissen in Form von Geschichten und
Erzählungen, das sich implizit selbst legitimiert.
Operatives Wissen und Orientierungswissen
(Wie nutze ich das Wissen, das ich habe? Wie finde ich meinen Weg, da ich noch
nicht genug weiß?)
* Wissen über Vorgänge und Verfahren: Ein Vorgang ist eine lang andauernde
Handlung. Ein Verfahren ist eine festgelegte Anzahl von miteinander verketteten
Einzelhandlungen, für die oft eine bestimmte Reihenfolge verbindlich ist. Wissen
über ein Verfahren bezeichnet man auch als "know how", Gewusst Wie.
o Wissen, wie man Wissenslücken schließen kann (zum Beispiel indem man
Unbekanntes erfragt).
o Wissen, wie man neues Wissen aus vorhandenem Wissen ableitet (Inferenzstrategien).
o Wissen, wie man Wissen strukturiert und neues Wissen hinzufügt.
* Wissen über Probleme und Problemlösungsstrategien: Bildung einer formalen
Beschreibung eines Problems mit dem Ziel der Klassifikation des Problems in eine
bekannte Problemklasse, zu der eine Problemlösungsstrategie bekannt ist.
Psychologie und Wissen
Die Lernpsychologie beschäftigt sich mit dem Erwerb von Wissen, wobei zahlreiche
Theorien und Methoden entwickelt wurden, um den Wissenserwerb zu vereinfachen
und zu verstehen.
Begriffsfeldabhängige Ansätze
Im Gegensatz zum umgangssprachlichen Verständnis von Wissen bemüht sich der von
Helmut F. Spinner begründete Karlsruher Ansatz der integrierten Wissensforschung
(KAW) um eine Systematisierung des gesamten Begriffsfeldes um "Wissen aller
Arten, in jeder Menge und Güte"; Spinner initiierte daher das Wissensarten-,
Wissensordnungs- und Wissensverhaltensprojekt.
Er schlägt folgende Terminologie vor:
* "Wissen ist semantische Information (unabhängig von Richtigkeit und
Wichtigkeit)"
* "Information ist inhaltliches Wissen"
* "Erkenntnis ist Information plus x"
Im Rahmen des Wissensmanagement wird Wissen als eine Ressource betrachtet, die
nicht nur von Individuen, sondern auch von anderen Systemen wie Gruppen und
Organisationen erzeugt bzw. ausgehend von implizitem Wissen explizit gemacht
wird.
Siehe auch
* Wissensrepräsentation
* Langzeitgedächtnis
* Wissensinfrastruktur
* Kollektive Wissenskonstruktion
* Lernen durch Lehren
* Intelligenz, Kollektive Intelligenz, Künstliche Intelligenz
* Know-How
* Wissenssoziologie
* Alltagswissen
* Wissenschaft
* Wissensgesellschaft
Anmerkungen
1. Alois Walde: Lateinisches etymologisches Wörterbuch, 3. Aufl. Heidelberg
1938, II, S. 784f.
2. vgl. beispielsweise Wissen für den Hof. Der spätmittelalterliche
Verschriftungsprozeß am Beispiel Heidelberg im 15. Jahrhundert, hrsg. von
Jan-Dirk Müller, München 1994 (= Münstersche Mittelalter-Schriften, 67)
Literatur
Erkenntnistheoretische Einführungen und Standardwerke mit Diskussion des
Wissensbegriffs
* William Alston: Epistemic Justification. Essays in the Theory of Knowledge,
Ithaca: Cornell University Press 1989
* David M. Armstrong: Belief, Truth, and Knowledge. Cambrdidge: Cambridge
University Press 1973
* Laurence BonJour: The Structure of Empirical Knowledge. Cambridge: Harvard
University Press 1985
* Roderick Chisholm: Theory of Knowledge, Englewood Cliffs: Prentice Hall 3. A.
1989.
* Fred Dretske: Knowledge and the Flow of Information. Cambridge: MIT Press 1981
* John Greco, Ernest Sosa (Hgg.): The Blackwell Guide to Epistemology. Oxford:
Blackwell 1999.
* Hilary Kornblith: Knowledge and its Place in Nature. Oxford: Oxford University
Press 2002
* Keith Lehrer: Theory of Knowledge. Boulder: Westview Press 1990
* John Pollock: Contemporary Theories of Knowledge. Totowa: Rowman and
Littlefield 1986
* Robert K. Shope: The Analysis of Knowing. A Decade of Research. Princeton:
Princeton University Press 1983.
* Matthias Steup: An Introduction to Contemporary Epistemology. Upper Saddle
River: Prentice Hall 1996.
* Matthias Steup, Ernest Sosa (Hgg.): Contemporary Debates in Epistemology.
Malden (MA): Blackwell 2005.
Selbstwissen
* Quassim Cassam (Hg.): Self-Knowledge, New York: Oxford University Press 1994.
* Peter Ludlow, N. Martin (Hgg.): Externalism and Self-Knowledge, Stanford, CA:
CSLI Publications 1998.
* Crispin Wright, Barry Smith, Cynthia Macdonald (Hgg.): Knowing Our Own Minds,
Oxford: Clarendon Press 1998.
Klassiker des 20. Jahrhunderts
* Jacques Maritain: Die Stufen des Wissens. Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag
1954.
* Jean-François Lyotard: Das postmoderne Wissen: ein Bericht. Wien:
Passagen-Verlag 1999.
Konstruktivismus
* Ernst von Glasersfeld: Wissen als Konstrukt, in: Leon R. Tsvasman (Hg.) Das
Grosse Lexikon Medien und Kommunikation. Kompendium interdisziplinärer Konzepte:
Würzburg 2006.
* Matthias Vogel und Lutz Wingert (Hg.): Wissen zwischen Entdeckung und
Konstruktion: erkenntnistheoretische Kontroversen. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2003.
Populäre Literatur
* Jürgen August Alt: Das Abenteuer der Erkenntnis. Eine kleine Geschichte des
Wissens. CH Beck, München, 2002
* Daniel Geiger und Georg Schreyögg: Wenn alles Wissen ist, ist Wissen am Ende
nichts ?! In: DBW, 63 (2003).