Was ist ein Kuss ?
Bremen/Münster (dpa) - Liebende können schlecht ohne ihn, der Papst segnet
mit ihm den Boden, Freunde vergeben ihn als Bussi und Sportler liebkosen mit ihm
ihre Medaillen: Der Kuss kennt viele Formen. Doch woher das Ritual kommt, wie es
sich verändert hat und welche Geheimnisse in ihm stecken, wirft noch viele
Fragen auf. Der «Internationale Tag des Kusses» (6. Juli) bietet Anlass, dem
Phänomen nachzuspüren. Klar ist: Der Kuss ist nicht nur ein Kuss. Diesen Artikel
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6. Juli - Tag des Kusses: Küssen - das einzig wahre Lippenbekenntnis Bild
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«Heute haben wir nur noch den Begrüßungs-, den Abschieds- und den Liebeskuss»,
sagt die Volkskundlerin Christiane Cantauw aus Münster. Noch im Mittelalter habe
der Kuss viel mehr Bedeutungen gehabt. «Er war fester Bestandteil im
Rechtswesen», berichtet die Expertin. Der Kuss habe die Abhängigkeit zwischen
Lehnsherren und Untergebenem besiegelt, indem der Belehnte das Schwert oder den
Ring seines Herrn küsste. Das sei dann wie ein unterschriebener Vertrag gewesen.
Auch der Verlobungskuss habe damals rechtlich bindende Wirkung gehabt.
«Früher küsste man viel mehr als heute», sagt Cantauw. So hätten die Christen
öfter Küsse ausgetauscht - inzwischen sei das auf sakrale Gegenstände
beschränkt, etwa auf das Kruzifix an Halsketten. Auch der kommunistische
Bruderkuss gerate in Vergessenheit - damals zu Berühmtheit gelangt durch Erich
Honecker und Leonid Breschnew. Dass der Kuss nie aussterbe, sei aber wohl klar,
sagt Cantauw.
Kopfzerbrechen bereitet den Fachleuten jedoch die Geburtsstunde des Kusses. «Die
Wurzel des Phänomens ist so alt wie die Menschheit selber», sagt Ingelore
Ebberfeld. Die Sexualwissenschaftlerin aus Bremen erforscht die Geschichte des
Kusses seit langem - und ihre Erklärung mutet recht animalisch an: «Die
Vorfahren der Menschen haben sich bei Begegnungen gegenseitig am Hinterteil
beschnüffelt und beleckt. Als aus den Vierbeinern aufrechtgehende Zweibeiner
wurden, wanderte der Kuss gewissermaßen mit nach oben», erklärt Ebberfeld.
Der Kuss zwischen Liebenden sei auch heute noch der Schlüssel zur Sexualität. So
«erschnüffelten» Männer, ob eine Frau ihren Eisprung habe oder schwanger sei -
auch wenn das nur unbewusst registriert werde. Das Ritual der Lippenberührung
sei die innigste Verbindung, die Menschen eingehen könnten. «Beim Küssen kann
man nicht lügen, beim Sex sehr wohl», meint die Autorin mehrerer Bücher zum
Thema.
Ebberfelds Erklärung des «Sich-Beschnüffelns» wendet sich gegen die These von
Forschern, die den Kuss als ein Resultat der Brutpflege beschreiben. Ebberfeld
hält dagegen, dass weder das Saugen an der Mutterbrust noch das Einflößen
vorgekauter Nahrung mit dem Mund die sexuelle Sprengkraft eines Zungenkusses
erklären könne. Die pure Wollust treibe ein Paar zum Küssen - und nicht eine
bloße Bekundung liebevoller Zuneigung. «Die Wurzel des Küssens ist der Sex.»
Umfangreiche Grundlagenforschung zum erotischen Kuss leisteten Forscher 2007 in
den USA. Sie fanden große Unterschiede zwischen Männern und Frauen. So kann sich
die Mehrheit der Männer Sex ohne Küssen vorstellen. Bei den Frauen halten das
mehr als 80 Prozent für unmöglich. Und die Bereitschaft, mit einem schlecht
küssenden Partner zu schlafen, ist bei den Männern dann auch etwa doppelt so
hoch.
Die Forscher halten fest, dass die beiden Geschlechter mit dem Küssen
unterschiedliche Strategien verfolgen. Vereinfacht gesagt küssen Männer nur, um
im Bett zu landen. Frauen jedoch nutzen den Kuss wie eine feine Antenne. Das
helfe ihnen anfangs bei der Wahl des richtigen Partners. Doch auch während der
Beziehung liefere ihnen das Küssen unbewusst wichtige Angaben - etwa über die
Treue des Mannes.
56 Prozent der Frauen küssen «ausgesprochen gerne». Bei den Männern sind es nur
44 Prozent. Müssten die Befragten entweder auf den Sex oder auf das Küssen
verzichten, würden 63 Prozent der Frauen dem Geschlechtsverkehr entsagen. Bei
den Männern würden diese Entscheidung nur 37 Prozent treffen. Fast die Hälfte
der Frauen sagen sogar, dass küssen besser als Sex ist. Bei den Männern sind es
nur 32 Prozent.
Ungeachtet solcher Feinheiten ist das Küssen einfach nur gesund. Der deutsche
Verein der Kussfreunde betont, dass beim Knutschen viele Glückshormone frei
werden. Das Immunsystem werde mit jedem Schmatzer angekurbelt und Vielküsser
hätten sogar eine höhere Lebenserwartung.
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